Gedankenknäuel unzensiert – Wo Worte Wurzeln schlagen

Heute ist einer dieser Tage, an dem ein Gedanke den anderen jagt, ich mich beim Reflektieren im Kreis drehe und anfange Dinge zu rechtfertigen die mit nichts zu rechtfertigen sind. Es ist wie eine Reise ohne Ziel, wie ein Fass ohne Boden. Der Verstand weiß rein theoretisch was richtig ist und auch was falsch ist. Und dennoch drängen sich diese endlosen Denkschleifen ungefragt in deinen Alltag.

Dieses Jahr ist geprägt von intensiven Loslass-Prozessen, tiefgreifenden Veränderungen und dem klaren Gefühl, dass all dies seinen Sinn und seine Daseinsberechtigung hat. Es fühlt sich an, als hätte jemand meinen persönlichen Reset-Knopf gedrückt – grob, unbeholfen wie ein Kind, das nicht weiß, was es da anrichtet. Natürlich ohne Vorwarnung und ohne um Erlaubnis zu fragen.

Als alles ganz anders kam

Das Jahr begann mit einem Knall – im wahrsten Sinne des Wortes.

Es hätte der Tag meiner praktischen Fahrprüfung werden sollen. Stattdessen endete die Fahrt auf dem Weg zum Startpunkt vorzeitig im Straßenverkehr – nicht auf der Prüfungsstrecke. Ein Auffahrunfall. Auf – dem – Weg – zur – Prüfung. Ich saß nur da, fassungslos, mit diesem altvertrauten Gedanken im Kopf: Warum schon wieder ich?

War es meine Schuld? Habe ich einen Fehler gemacht? Etwas übersehen? Nein – der Fahrer hinter mir hatte bei den schlechten Wetterverhältnissen keinen ausreichenden Abstand zu meinem Fahrschulauto gehalten und schlicht nicht bemerkt, dass ich zum Stehen gekommen war. Obwohl ich keine Schuld trug, war das Gefühl erdrückend. Ein Unfall. Und ich saß am Steuer. Unwirklich.

Und doch, als später die Nachrichten von schweren Unfällen auf genau den Strecken eintrafen, die ich hätte nehmen können, überkam mich ein Gedanke, den ich kaum zuzulassen wagte: Vielleicht war es Schutz. Vielleicht war das Chaos der Umweg, der mich vor Schlimmerem bewahrte.

Stillstand im System

Eine Woche später, am zweiten Donnerstag des Jahres, folgte der nächste Rückschlag: eine unaufhörliche Blutung. In der Spätschicht. Kurz vor Feierabend. Da ich von klein auf häufig Nasenbluten hatte, kam ich zunächst gar nicht auf die Idee, mir Hilfe zu holen. Wie würde das aussehen? Ein Rettungswagen wegen Nasenbluten? Doch als die Angst und der Schwindel die Scham überwogen, blieb mir keine andere Wahl.

Im Rettungswagen spielten meine Werte verrückt, und auf einmal drehte sich alles ausschließlich um meine Gesundheit – all die Warnsignale, die ich so lange ignoriert hatte, rückten nun ins Zentrum. An diesem Abend begann ein scheinbar endloser Marathon aus Arztbesuchen, Diagnosen und Medikamenten. Es war unvermeidlich, und jetzt gab es kein Zurück mehr.

Gekündigt oder befreit?

Meine Gesundheit hatte bereits seit geraumer Zeit unter diesem Job gelitten. Zum einen konnte ich mich mit der fragwürdigen Firmenpolitik nicht identifizieren, zum anderen war ich nahezu täglich schockiert über die Respektlosigkeit, Missgunst und Boshaftigkeit, die Menschen an den Tag legen können. Es war unvermeidlich, dass jemand wie ich in einer derart überwiegend negativen Umgebung irgendwann an seine Belastungsgrenze stößt.

Aber auch hier gab es sie: die feinen, zarten Lichtblicke, die mir immer wieder ein Stückchen Halt gaben.

Und dann kam sie: die Kündigung. Hart. Unerwartet. Unbarmherzig. Doch auch hier ein zweiter Blick: Innerlich hatte ich längst abgeschlossen. Ich hatte es nur nie gewagt auszusprechen, aus Angst vor den Folgen. Nun hatte das Leben diese Entscheidung für mich getroffen. Und obwohl ich wütend, traurig und verletzt war, spürte ich zugleich: Vielleicht war dies kein Ende. Vielleicht war es meine Chance auf einen Neubeginn.

Als ich Abschied nahm

Es war nicht nur das Außen, das sich veränderte. In diesem Jahr haben sich auch zwischenmenschliche Verbindungen entwirrt – oder entlarvt.

Da war jemand, den ich lange „Freund“ nannte. Ich klammerte mich an die schönen Momente, an Erinnerungen, an ein „Früher“, das nie zurückkam. Als ich ins Krankenhaus musste und zum wiederholten Mal allein war, wurde mir etwas klar: Ich will mich nicht mehr für Menschen krumm machen, die nicht da sind, wenn ich falle. Und so habe ich mich still aus dem Leben dieses Menschen zurückgezogen – und ein Stück mehr zu mir selbst gefunden.

Auch in der Familie zerbrach etwas. Eine unerwartete Entscheidung, ein Vertrauensbruch – nicht von mir, doch einer, den ich nicht stillschweigend akzeptieren konnte. Ich sprach meine Meinung aus. Direkt. Unverblümt. Und plötzlich war ich diejenige, die gehen musste. Aber so war es immer. Jedes Mal, wenn ich den Mut fand, ehrlich zu sein, wurde ich zum Störfaktor in einem perfekt inszenierten System.

Dann kam eine Wahrheit, die ich nie erwartet hätte. Eine Verbindung, die mich über Jahre getragen hatte, wurde innerhalb weniger Augenblicke zu einer Last, die ich nicht mehr tragen wollte. Worte wurden zu Messern, Rückblicke zu Scherben. Und während alle schwiegen, musste ich die Erkenntnis allein tragen. Ich habe mich entschieden, auch hier loszulassen – selbst wenn es bedeutet, bekannte Wege zu verlassen und Einsamkeit zu riskieren.

Und zuletzt… da war noch jemand. Jemand, der blieb, als andere gingen – aber auch jemand, der Nähe mit Anspruch verwechselte. Jemand, der Liebe vor allem in Dingen sah, nicht in Verhalten. Ich habe versucht zu glauben, zu hoffen, zu retten. Doch wie soll eine Verbindung halten, wenn auf der einen Seite Porzellan zerschlagen wird, während auf der anderen Seite nach Samt gefragt wird?

Wer bleibt, wenn alles fällt?

Ich habe aufgehört, gegen Windmühlen zu kämpfen. Und angefangen, auf meine innere Stimme zu hören. Diese Abschiede waren schmerzhaft. Aber jeder einzelne war ein Schritt zurück in meine Würde.

Ich hege keinen Groll. Kein Zorn bindet mich. Kein Verlangen nach Vergeltung. Ich vertraue darauf, dass alles Teil eines größeren Plans ist – auch wenn dieser sich mir nicht immer sofort erschließt. Jeder Mensch, der meinen Weg kreuzt, hat eine Botschaft für mich. Einige lehren mich die Liebe, andere, wie man sich selbst bewahrt.

Und so danke ich leise – für die Rollen, die sie in meinem Leben gespielt haben. Denn: Wer bleibt, wenn alles zerbricht? Ich bleibe. Ich bin immer bei mir, fest verankert, egal wie heftig der Sturm draußen tobt.

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